Meinen Ferrari park ich heut woanders – zwischen Veranstalterdasein und Communitybuilding

Meinen Ferrari park ich heut woanders – zwischen Veranstalterdasein und Communitybuilding

Ich habe über die Jahre vieles an Veranstaltungen gesehen, viel als Soloveranstalter (hauptsächlich in Wien) probiert, und eben zuletzt im Kollektiv über den Verein. Und manchmal, wenn mal wieder jemand neben mir steht, der meint als Veranstalter ist das Leben eh so leiwand und man muss ja eh mit einer Lawine an Geld nach Hause gehen, dann holts mich fast.

Ein Problem in der Österreichischen Kulturförderung ist, dass Metal (in welcher Ausprägung auch immer) bei 90% aller Förderungsansuchen scheitert und Sponsoring (wenn überhaupt) sich eher in Minimalbeträgen oder Produktsponsoring abspielt. Oft mit der gleichzeitigen Auflage, dass einem das Unternehmen mit dem man kooperiert, die ganze Veranstaltung zubranded. (Wodurch man sich dann von seinen Besuchern wiederrum den totalen „Ausverkauf“ attestieren lassen darf.)

Somit bleibt als Alternative halt eben nur eine gewissen Selbstfinanzierung. Und da ist schon der erste Irrglaube, den viele junge Musikbegeisterte mit Bookingambitionen haben: Dass man irgendwann in irgendeiner Art und Weise davon leben kann. (Ich war selbst lang der Meinung, dass das irgendwann klappen wird, ihr seid also in guter Gesellschaft)

Die Leute sehen halt immer nur die mehr oder weniger volle Location und rechnen im Kopf die Ticketpreise hoch und meinen, du müsstest doch längstens schon einen Ferrari auf Kosten der Bands, die bei dir spielen, fahren.

Machen wir dazu ein kurzes Gedankenexperiment:

Ich möchte meinen Lebensunterhalt mit Metalevents bestreiten, den Nachwuchs dabei fördern, ich bin voll motiviert und weiss, dass eine Veranstaltung die gut laufen soll, beworben werden muss, und man im Optimalfall 6-8 Wochen im Voraus damit rausgeht und die Promotrommel rüht.

Ich bin ein Fuchs und habe eine Location für max. 200 Leut gefunden, die kostet mir nur: € 350,- und netterweise gibt es dort eine Pauschale für AKM und Lustbarkeitsabgabe (je nachdem welches Bundesland, ist ja sehr unterschiedlich bei uns in Österreich) und es kommen keine weiteren Kosten auf mich zu. Ton und Lichttechniker sind Freunde von mir, und helfen mir für € 150,-.

Ich buche den Abend mit 4 Bands, damit auch viele Leut da sind und ich möchte fair agieren und zahle jeder Band € 150,- = 600,- gesamt.

Meinen Bands soll es gut gehen, eine Pal. Bier pro Band, vielleicht nicht das grindigste Soachwossa, eine warme Mahlzeit pro Musiker/Crewmitglied (bei 4 Bands kann man schonmal von 30 Leuten in Summe ausgehen), Bühnenwasser, etwas Wein, Softdrinks … mit 250,- für Essen und Getränke bin ich dabei.

Ich mache viel selber, lasse Flyer und Plakate drucken, die ich selber verteile und schalte für 25,- Werbung – Promokosten gesamt: 100,-

Der Abend verläuft gut: Der Opener ist relativ neu im Biz und zieht dementprechend seine 35 Personen, eine Band ist von weiter weg und kann nur 5 Leut motivieren, Headliner und Coheadliner sind alte Hasen im Geschäft, spielen leider auch dementsprechend oft und bringen mir jeweils 40 Personen. Gesamt ohne Gäste (die ja keinen Eintritt bezahlen) bin ich also auf 120 Personen die zwischen 12 und 14 Euro fürs Ticket bezahlt haben, nehmen wir einen Durchschnittswert von 13,- damit es leicht zu rechnen geht:

Einnahmen: € 1.560,-

Ausgaben: € 1.450,-

Gewinn: € 110,- bei einem Gesamtstundenaufwand von ca. 38,5h

Wenn ich nun optimieren anfange, bei Essen/Getränken (meine Bands sind ja genügsam) und Werbung bleiben im Besten Fall: € 350,- und 30h*

*Der Einfachheit halber habe ich oben eben alle Besucher einer Band zugeordnet und gehe jetzt davon aus, dass meine mangelnde Werbung keine Auswirkungen auf die Besucheranzahl hat. In Wahrheit machts natürlich einen großen Unterschied, ob ich 10 Abende Flyern geh und 100 Plakate verteil oder nicht.

So – wie auch immer – gehen wir vom optimierten Fall aus.

Wenn ich ein Monatsgehalt von € 2.000,- haben will (und unter der Voraussetzung, dass ich in Österreich brav meine Steuern zahle), müsste ich bei € 350,- 10 ähnlich erfolgreiche Veranstaltungen machen, was einer theoretischen Gesamtstundenanzahl von 300 Stunden im Monat entspricht.

Das ganze Experiment ist natürlich unrealistisch, die Stunden werden sich irgendwo bei 180 einpendeln, meinem Erfahrungswert nach. Auch werden nicht alle Veranstaltungen gleich gut laufen und meine Freunde der Ton und der Lichttechniker, werden mir auch keine 10x im Monat den Gefallen tun. Die Umsetzung (40 verschiedene Bands mit ähnlicher Zugkraft + Publikum, welches auf 10 verschiedene Undergroundkonzerte im Monat geht) ist wohl auch surreal  … aber ich denke das Grundprinzip kommt gut durch. Und da habe ich aber noch nichts in den Bekanntheitsgrad meines Einzelunternehmens investiert, den ich eigentlich dringend bräuchte um nicht jedes Mal auf die selben Leut zählen zu müssen.

Fazit:
Es macht finanziell keinen Sinn im Untergrund zu veranstalten um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dafür muss man kein BWL Studium vorweisen, da reicht Volksschulmathematik. Und überall wo ich meinen Gewinn maximieren muss um überleben zu können, muss ich irgendwo anders einsparen, und das passiert in 99% aller Fälle bei der Qualität und bei denen die sich am wenigsten wehren können, den kleinen Newcomerbands. Spare ich jetzt also bei Qualität der Musik, des Bandcaterings, Gagen, usw. begebe ich mich in den nächsten Teufelskreis: Bands mit bissl einem Selbstwert, werden mir nicht mehr drauf einsteigen, Publikum bleibt aus, weil das 20 „never-touch-a -running-system“-Lineup halt auch keinen mehr von seiner Couch und Netflix hervorlockt. Ein hurndselendiger Teufelskreis.

Bleibt halt nur der „Ausweg“ ins Ehrenamt, frei von monetären Zwängen, was aber wiederrum bedeutet, dass man das zusätzlich zu seinem Brotjob macht und keine persönlichen Einnahmen davon hat. (Ja richtig gehört, … und für alle dies noch nicht gecheckt haben: auch wir machen das alles für lau, weil wir die innere Hoffnung haben, dass wir irgendwann was in dieser Szene verändern können.)

Nicht falsch verstehen, einen Verein zu betreiben und so im kleinen Rahmen den Versuch zu wagen, eine Subkultur zu supporten ist großartig. Aber analog zum obigen Beispiel kann ich da auch nicht jegliche Betriebswirtschaft außen vorlassen und mehr ausgeben als reinkommt. Außer ich hab kein Problem damit, wenn ich ständig mein Privatgeld in den Verein stecken muss. Und das habe ich bei Animals Mosh harder lange genug selbst getan.

Damit muss man bei so einem Unterfangen sowieso rechnen: Das muss man nämlich grad in den ersten Jahren machen, bis das ganze laufert wird, aber im Idealfall hat der Verein nach 3,4 Jahren ein Vermögen aufgebaut, dass es möglich macht, Veranstaltungen vorzufinanzieren. (Auch ein Punkt der in unserem Rechenbeispiel oben ausgelassen wurde: Ausgaben von ca. 800,- muss ich ja erstmal am Tisch legen, bis ich das Geld von der Veranstaltung wieder reinbekommen habe).

So aber genug der Raunzerei:
Der große Punkt ist: Eigentlich geht’s ja darum, dass man damit eine gewisse Kultur fördert, weil nur wenn dir Leute soweit vertrauen, dass sie auf deine Festln kommen, auch wenn sie die Bands noch nicht kennen, dann bist du in meinen Augen ein Veranstalter der tatsächlich Kultur fördert. Community Building wie der Kommunikationswissenschaftler so schön sagt. Und das passiert weitaus langsamer und zeitverzögerter, als das Geld fließt – ein langwieriger Prozess in dem man erstmal ein paar Jahre Qualität abliefern muss, bevor man was vom Erfolg merkt.

Dieses Ideal von den 200 Leuten, die einfach nur kommen, weil man ein Festl macht – toll, passiert aber in der Form nicht. Einige Veranstaltungen wird man auch allein deshalb machen, weil man die Band geil findet und sie unbedingt mal in der Region spielen lassen will, aber die Kohle muss mit anderen Veranstaltungen auch wieder reinkommen. (Sonst sind wir wieder da, wo permanent Privatvermögen in die Organisation gepumpt werden muss.) Und das kann einfach nur passieren, wenn du Leut hinter dir hast, die dir vertrauen. Und nach fünf Jahren merken wir langsam, wie dieser Kreis, der zu Anfang aus unseren jeweils 5-10 engsten Freunden bestanden hat, langsam größer wird, und sich endlich sowas wie eine Gemeinschaft entwickelt. (Ewiger Dank dafür an dieser Stelle <3, grad auch Leute die eigentlich ned unser Freundeskreis sind, und trotzdem IMMER da sind, wenn wir was veranstalten.)

Und deshalb einmal mehr der Hinweis: Supportet eure Locals: die lokalen Veranstalter, Venues, Geschäftsleute, Fotografen und Künstler! Ohne die gäbs nämlich zu Netflix und Couch nichtmal eine Alternative.

Tschyssl’s rant für heute over und out!

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